«The Bitcoin is dead, long live the Blockchain!»

2019
Image from "Economy, Knowledge and Surveillance in the Age of the Cryptocene", by Cesar Escudero Andaluz and Martin Nadal

Experimentieren in Alternative Volkswirtschaften und digitale Währungen

Im Frühjahr 2019 konzentriert sich servus.at auf die Themen alternative Wirtschaftsmodelle und die Digitalisierung von Währungen. Diese Themen werden in einer Reihe von Vorträgen und Workshops mit Künstler_innen, Schriftsteller_innen und Theoretiker_innen diskutiert, die versuchen, valide Alternativen zum gegenwärtigen System vorzuschlagen.

Die bekannteste digitale Währung ist Bitcoin, ein im 2009 geborenes Experiment eines digitalen, nicht zentralisierten, alternativen Systems für den wirtschaftlichen Austausch, das unabhängig von Banken und traditionelle wirtschaftliche Institutionen bleiben sollte.

Das ursprüngliche Ziel von Bitcoin war es, ein Kommunikationsprotokoll zu erstellen, das die Rückverfolgbarkeit und Sicherheit der Transaktionen ermöglicht und gleichzeitig die Anonymität der Teilnehmer_innen am Austausch gewährleistet. Diese technische Infrastruktur, die aus einem Register mit der Historie aller Transaktionen bestand, sollte jedoch nicht zentralisiert und in den Händen einer einzigen Institution liegen, sondern von denselben Systemteilnehmer_innen verteilt und automatisch aktualisiert werden, so dass alle dieselbe Version haben. Diese Softwaretechnologie nennt sich Blockchain, eine Struktur, ohne die Bitcoin eines der vielen gescheiterten Experimente mit digitalen Währungen gewesen wäre und nie, wie vor dem Zusammenbruch im Dezember 2017, den unglaublichen Tauschwert von 17.900 Dollar hätte erreichen können. Blockchain ist ein Open-Source-Tool, dessen Quellcode vom Gründer selbst online zur Verfügung gestellt wurde und das im Laufe der Jahre zum Grundgerüst vieler anderer digitaler Währungen (Ethereum, Ripple, Litecoin, Monero....) geworden ist.

In den letzten Jahren sind Bitcoin, Blockchain und die anderen digitale Währungen aus der kryptoanarchistischen Nische, in der sie entstanden sind, hervorgegangen und haben die Aufmerksamkeit von Großkonzernen und Banken, skrupellosen Spekulant_innen und selbstgemachten Unternehmer_innen auf sich gezogen, die in Mining, das Fundament des gesamten Handelssystems, investiert haben.

Bitcoin und andere Kryptowährungen (Ethereum, Ripple, Litecoin, Monero....) wurden aber schon immer als riskantes Experiment betrachtet. In der Welt der Wirtschaft gelten einerseits die digitalen Währungen als das Schlaraffenland des Anarchokapitalismus und andererseits als die nächste Finanzblase, die bereit zu platzen ist; regelmäßig herrscht einer der beiden Trends über den anderen. Die Community von Aktivist_innen, Künstler_innen und Programmierer_innen, das Umfeld, in dem Bitcoin geboren wurde und seine ersten Schritte unternahm, ist viel kritischer gegenüber der Entwicklung und dem aktuellen Status der digitalen Währungen. Der finanzielle Erfolg ist zu einem ideologischen Misserfolg geworden, der radikal überdacht werden muss. Die heutigen digitalen Währungen basieren nicht mehr auf einem verteilten System und sind nicht mehr weit entfernt und unabhängig von den Banken und der Logik der großen Finanzinstitute.

Was es jedoch zu retten gilt, ist die zugrundeliegende Technologie, die Blockchain, das System zur sicheren Erstellung und Verwaltung von Austauschen zwischen einzelnen Benutzer_innen, das ein flexibles und sicheres Protokoll für verschiedene Anwendungen ist.

In den letzten Monaten hat sich Blockchain als ein Werkzeug mit großem Potenzial in vielen anderen Bereichen wie Telekommunikation, Transportinfrastruktur, digitale Identität und „smart contracts“ erwiesen, das sehr effektive Lösungen für bestehende, „analoge“ Probleme bietet. Viele dieser Experimente finden im Bereich der Kunst und des Aktivismus statt, zwei Umgebungen, die wieder zu einer Werkstatt werden, in der mehr visionäre Lösungen erprobt und der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt werden.

Im Frühjahr 2019 will servus.at das Thema wieder mit einer Reihe von Vorträgen, Workshops und Talks unter dem Titel «The Bitcoin is dead, long live the Blockchain!» aufgreifen.

An den Veranstaltungen werden Künstler_innen und Aktivist_innen teilnehmen, die sich mit der Entwicklung alternativer Wirtschaftspraktiken beschäftigen. Von den politischen Implikationen von Blockchain und gemeinsamen Datenbanken über die Konzeption eines digitalen Grundeinkommens bis hin zur Vereinigung von Blockchain und Internet der Dinge in kritischen und alternativen Wirtschaftsinstrumenten, werden zahlreiche Aspekte beleuchtet.