
In seiner bahnbrechenden Abhandlung über Morphogenese stellte Alan Turing die These auf, dass komplexe Muster in biologischen Formen aus dem Zusammenspiel gemeinsamer Regeln und Prozesse entstehen – ein Konzept, das seitdem verschiedene Bereiche durchdrungen hat, von der Biologie bis zur soziopolitischen Theorie. Turings grundlegende Arbeit legt nahe, dass die schönen, komplexen Muster, die in der Natur zu beobachten sind – wie die Streifen eines Zebras oder die Spiralen einer Muschel – das Ergebnis einfacher Regeln sind, die wiederholt über Raum und Zeit hinweg angewendet werden. Dieses Prinzip der emergenten Komplexität hat Interpretationen über die Biologie hinaus inspiriert und beeinflusst unser Verständnis der Entwicklung sozialer Strukturen und Machtdynamiken. Margaret Archer, eine prominente Soziologin, wendet Turings Ideen auf die Entstehung sozialer Strukturen an und betont, wie individuelle Handlungen innerhalb gemeinsamer Beschränkungen zu den komplexen Systemen führen, die Gesellschaften regieren. In ähnlicher Weise legt der Philosoph Gilles Deleuze nahe, dass der Prozess der Morphogenese – die Entstehung und Entwicklung von Formen – nicht nur zeigt, wie sich Wesen anpassen und entwickeln, sondern auch, wie sie bösartige Veränderungen durchlaufen können. In diesem Zusammenhang wird die Morphogenese zu einer Metapher für die unvorhersehbare und manchmal destruktive Entwicklung sozialer und politischer Systeme.
The Latent Force of Living Form untersucht diese Analogien durch die Linse neuronaler zellulärer Automaten, einem rechnerischen Modell der Morphogenese. Die Simulation wird anhand eines Datensatzes von Bildern trainiert, die sowohl gesundes als auch krebsartiges menschliches Gewebe zeigen, ergänzt durch visuelle Motive, die für die Machtstrukturen repräsentativ sind, die das moderne menschliche Leben bestimmen. Diese Motive umfassen Bilder aus verschiedenen Bereichen – wie Kartografie, Schrift und Mineralgewinnung –, die die Kräfte symbolisieren, die unsere Welt prägen. In diesem Kunstwerk entspricht jedes Pixel auf dem Bildschirm einer Zelle, die einen mehrdimensionalen chemischen Zustand enthält. Das neuronale zelluläre Automatenmodell lernt eine Reihe von Regeln, die die Entwicklung dieser Zustände orchestrieren und zu einem selbstorganisierenden Phänomen führen, das die Komplexität der Originalbilder reproduziert. Im Verlauf der Simulation entstehen auf der visuellen Ebene Muster, die die komplexen Dynamiken und latenten Transformationen widerspiegeln, die unter der Oberfläche stattfinden. Diese visuellen Muster sind zwar abstrakt, verdeutlichen jedoch die konzeptionellen Parallelen zwischen biologischen und soziopolitischen Prozessen und laden uns dazu ein, über den unerbittlichen Drang nach Überleben und Anpassung nachzudenken – einen Drang, der sowohl zur Entstehung als auch zur Zerstörung der Systeme führen kann, die unsere Welt prägen.
_Błazej Kotowski_
Błazej Kotowski ist ein in Polen geborener und aufgewachsener Künstler und Forscher, der derzeit in Barcelona lebt. An der Schnittstelle von Kunst, Klang, Technologie, Software und Politik befasst sich seine Arbeit mit den transformativen Auswirkungen neuer Technologien auf die menschliche Psyche, wobei er sich insbesondere auf den Begriff des (cyber-)sublimen konzentriert – eine Ästhetik der digitalen Ehrfurcht und des Staunens. Angetrieben von seiner Leidenschaft, die sich entwickelnde Beziehung zwischen Menschheit und Technologie zu verstehen, schafft Błazej spekulative Erzählungen, die sich in Klangwerken, generativen Systemen, Installationen und Performances manifestieren. Derzeit promoviert er in der Music Technology Group, wo er sich mit den Feinheiten des architektonischen Designs von KI beschäftigt.
*Touching Thoughts ist ein kunstwissenschaftliches Kooperationsprojekt der Netzkulturinitiative servus.at – Kunst und Kultur im Netz und der Medizinischen Fakultät der JKU (Abteilung für Pathologie und Molekulare Pathologie und Institut für Anatomie und Zellbiologie der JKU), das sich mit der Erforschung von Protokollen und Verfahren der dreidimensionalen Bildgebung im Bereich der digitalen Pathologie sowie der Frage befasst, wie wissenschaftliche und medizinische Erkenntnisse und Wahrheiten durch digitale Technologien generiert werden.




