➡ Flat earth, flat body von Simone C Niquille

Der sowjetische Filmregisseur Dziga Vertov sagte einmal: „Wir können unsere Augen nicht verbessern, aber wir können die Kamera endlos perfektionieren.“ Die Kamera, computergestützte Bildgebungsgeräte und Bildanalysealgorithmen verbessern unsere Augen und zeigen Muster und Informationen auf, die sonst unsichtbar wären. Das zuvor beschriebene Bildanalyse-Toolset, das manuelle Methoden zur Verfolgung des Rückgangs von Krebszellen verbessert und letztlich über die Behandlung eines Patienten entscheidet, erweitert die Grenzen dessen, was und wie das menschliche Auge sehen kann. Frühe Kosmographien beschrieben die Erde als flache Scheibe. Heute wissen wir, dass die Erde tatsächlich rund ist, dass Zellen trotz ihrer Darstellung in Biologiebüchern nicht flach sind, dass der Körper dimensional ist und dass Methoden zur Visualisierung und Erfassung der Realität im Laufe der Zeit immer neue Sichtweisen offenbaren werden. Auch wenn Artefakte und Verzerrungen unvermeidlich sind, ist es wichtig, das Bild ständig zu hinterfragen und zu lernen, es zu lesen. Im Laufe der Zeit werden sich die verschiedenen Sichtweisen wie Scheiben eines Brotlaibs oder mehrere Schatten eines Zylinders zu einem komplexen Bild zusammenfügen.

Flat Earth, Flat Body ist ein Audio-Essay, der sich mit den Schwierigkeiten der Bildgebungstechnologie bei der Erfassung der Dreidimensionalität des menschlichen Körpers auseinandersetzt. Anhand von Fragen zu Maßstäben, Bildverifizierung und pathologischen Methoden versucht die Aufnahme, medizinische und technologische Prozesse zu entmystifizieren und gleichzeitig zu ergründen, wie das Innere des menschlichen Körpers „fotografiert“ werden kann. In für das menschliche Auge zu kleinen Maßstäben sind Mikroskope in der Lage, Zellen Schicht für Schicht wie einen geschnittenen Laib Brot zu erfassen und liefern so neue Visualisierungen und Forschungsmöglichkeiten für den menschlichen Körper. Diese neue Technologie visualisiert, was noch nie zuvor gesehen wurde: eine Zelle in drei Dimensionen. Damit sind neue Wege zum Lesen, Interpretieren und Bearbeiten dieser Bilder erforderlich. Wenn das menschliche Auge noch nie eine dreidimensionale Zelle gesehen hat, wie kann dann das aufgenommene Bild verifiziert werden? Welche Informationen lassen sich aus dieser dritten Dimension gewinnen?

Bevor Menschen große Entfernungen zurücklegen konnten, glaubten einige, die Erde sei flach. Kulturelles und wissenschaftliches Wissen hat bewiesen, dass die Erde rund ist, und Reisen haben diese Erkenntnis bestätigt. Neue Bildgebungstechnologien sind nun in der Lage, die kleinsten Elemente des menschlichen Körpers in ihrer ganzen Dimension darzustellen. Zu welchen Erkenntnissen wird dies führen? 

Der Audio-Essay basiert auf Transkripten von Gesprächen mit Experten der Johannes Kepler Universität:
Mag.a Sabina Köfler MSc – Leiterin der Gewebeforschungsgruppe Visualisierung & Digitale Pathologie,
Jan Maximilian Janssen MD – Institut für Anatomie und Zellbiologie,
Ass. Dr.in Michelle Mottl – Abteilung für Pathologie und Molekulare Pathologie

_Simone C Niquille_
Simone C Niquille ist eine Schweizer Designerin und Forscherin mit Sitz in Amsterdam, Niederlande. Über ihr Studio Techno­flesh produziert sie Filme und Texte, die sich mit Computern als neuer Optik befassen. Ihre Arbeit beschäftigt sich mit Bildtechnologien, den von ihnen erzeugten Bildern und den von ihnen geschaffenen Welten – von Computer Vision über 3D-Animation und computergestützte Fotografie bis hin zu synthetischen Trainingsdatensätzen. Ihre Arbeit setzt sich für nicht-binäre Technologien ein und wendet sich gegen maschinelles Lernen als Instrument zur Validierung und Instrumentalisierung von Annahmen und zur Reduzierung der Realität.

 

*Touching Thoughts ist ein kunstwissenschaftliches Kooperationsprojekt der Netzkulturinitiative servus.at – Kunst und Kultur im Netz und der Medizinischen Fakultät der JKU (Abteilung für Pathologie und Molekulare Pathologie und Institut für Anatomie und Zellbiologie der JKU), das sich mit der Erforschung von Protokollen und Verfahren der dreidimensionalen Bildgebung im Bereich der digitalen Pathologie sowie der Frage befasst, wie wissenschaftliche und medizinische Erkenntnisse und Wahrheiten durch digitale Technologien generiert werden.